Schenk mir den Walzer

Zelda Fitzgerald ist ein bisschen zu kurz gekommen in meinen letzten Artikeln über dieses Paar. Das liegt daran, dass Scott ganz sicher die größere Nummer in der Literatur war und noch ist. Doch Zelda war vielseitig begabt- vielseitiger als Scott. Sie versuchte sich in der Malerei, im Ballett, in der Schriftstellerei – mit all diesen Begabungen und harter Arbeit konnte sie zu ihren Lebzeiten keinen künstlerischen Durchbruch erreichen. Viele ihrer Bilder sind in ihrer Todesnacht in der Heilanstalt mit ihr verbrannt. Den Rest ihrer Werke warfen ihre Schwester und ihre Mutter kurz nach ihrem Tod auf das Schafott. Wie begabt sie war zeigen ihre Paperdolls: Anziehpuppen aus Papier. Sie fertigte die Puppen in monatelanger Arbeit für ihre kleine Tochter an.

Ankleidepuppen aus Papier

Einige ihrer Entwürfe sind noch erhalten und zeigen ihre charakteristische Art zu zeichnen und zu malen. Über Jahre hat sie damit ihrer Tochter eine Freude gemacht. An einem Zirkus aus Papier, für Scotties nächsten Geburtstag, arbeitete sie ein ganzes Jahr lang.

Paperdolls3
Foto: Thepaperdollblog.com

Eine andere Leidenschaft war das klassische Ballett. Schon als Jugendliche tanzte sie. Während ihr seelischer und geistiger Zustand während der ersten Jahre mit Scott stetig instabiler wurde, zog sie sich wieder die Spitzenschuhe an. Zelda ließ sich zu Hause eine Trainingsstange installieren und tanzte in ihrer Zeit in Paris bis zu acht Stunden täglich bis zur Erschöpfung.  Beim Training verliebte sie sich in ihre  Pariser Ballettlehrerin Ljubow Jegorowa, was sie in tiefe Verwirrung stürzte. Diese Lehrerin besorgte ihr sogar an der neapolitanischen Oper ein Engagement als Primaballerina, obwohl Zelda mittlerweile viel zu alt war.

Scottie, ihre Tochter, war der Grund, warum sie das ersehnte Engagement nicht annahm. Sie hätte in Paris bleiben müssen während Zelda für Monate in Neapel gelebt hätte. Scott war nicht amüsiert über Zeldas Tanz-Hysterie, ihrem Extremismus und dem späten Wunsch, Ballerina zu werden. Im Corps tanzen wollte sie nicht, nein, sie wollte Primaballerina sein! Durch ihre Krankheiten, ihr Alter und die Lebensumstände begrub sie auch diesen Traum, bevor sie 1930 erstmalig einen Nervenzusammenbruch erlitt.

 Das Schreiben

Von Anfang an half Zelda ihrem Mann beim Schreiben, indem sie seine Manuskripte genau las und ihm Tipps gab. Sie ahnte wo Text zu kürzen oder umzuschreiben war und in vielen Fällen schätzte Scott ihr klares Urteil und hielt sich daran. Doch als sie selbst zu schreiben begann, 1923, da blühte eine gefährliche Konkurrenz auf, wie sie schreibende Paare häufig erleben. Zelda schrieb erste Kurzgeschichten und Erzählungen die unter Scotts Namen verkauft wurden – denn sie brauchten Geld. Und Scott bekam einige Tausend Dollars für seine Geschichten. Zelda wurden nur wenige Hundert Dollar von derselben Zeitung angeboten. Also stand ihr Name nicht unter ihrem geistigen Eigentum. Das muss hart für diese ehrgeizige Schriftstellerin gewesen sein.

Paper doll Scott
Scott als Paperdoll.

In den folgenden Jahren einigten sie sich auf eine doppelte Autorenschaft: Scott und Zelda Fitzgerald. Auch das brachte immer noch mehr Scheine in die Haushaltskasse, als allein ihr Name.

Auch Zelda bediente sich aus ihrem Leben, dem ihres Mannes (so, wie er es auch machte) und dem großen Thema der Zeit „Flappers“, Partys, Oberflächlichkeit, Heuchelei, Egoismus, Alkohol. Allerdings beschränkte sie sich auf die Frauen: Alle wollten sie frei sein – mit einem Champagnerglas in der einen und der Zigarette in der anderen Hand – eigenständig leben und unabhängig ihren Weg gehen. Männer waren nicht dazu da, geheiratet zu werden, sondern um unverbindlich Spaß mit ihnen zu haben – und eigene Ziele zu erreichen.

In auffallend guten Passagen fand sie einen charmanten und atmosphärisch dichten Ton:

Ihre blasse Haut schimmerte, ihre großen blauen Augen traten leicht hervor. Ihre Zähne waren klein und sehr weiß. Sie wirkte so warm und feucht wie aus heißem Milchschaum geboren – was sich nicht ausschließen ließ, immerhin hatte niemand je ihre Mutter gesehen. Sie bewegte sich so sinnlich wie die Diva einer Burlesque­Show, jedenfalls in ihren eigenen Augen; hätte Mr. Ziegfeld (von dem Gracie nie gehört hatte) sie telegrafisch in seine Revue eingeladen, sie wäre nur wenig überrascht gewesen. Im Stillen erwartete sie Großes vom Leben, und zweifellos war das einer der Gründe, warum das Leben ihr Großes gewährte.

( Aus der Geschichte“Miss Ella“, Himbeeren mit Sahne im Ritz, Erzählungen, Manesse Verlag)

Der treffendste, sicher autobiografische Satz ist der Satz über „das Große im Leben, das ihr gewährt werden sollte.“ Das sind die Themen ihrer Geschichten und trotz einiger echter Erzählperlen plätschern etliche von ihren Geschichten belanglos dahin. Ohne Höhen und Tiefen lullen sie den Leser ein.  Charakterzeichnungen gelingen nur verschwommen, die Protagonisten bleiben oft nicht greif- oder vorstellbar.

Schenk mir den Walzer

Eigentlich sollte der erste Roman von Zelda Fitzgerald „Save me“ heißen. Rette mich. So hätte sie es gerne gehabt. Eine Art Hilferuf. Dieser Titel hätte eine völlig andere Aussage gehabt, als „Schenk mir den Walzer.“  Als Scott von der Entstehung des Romans erfuhr, schrieb er in sein Tagebuch:

„Angriff auf allen Ebenen: Theaterstück (unterdrücken), Roman (verzögern), Bilder (unterdrücken), Charakter (angreifen), Kind (entfremden), Tagesablauf (durcheinanderbringen, um Schwierigkeiten zu machen). Kein Maschinenschreiben. Wahrscheinliches Resultat: neuer Nervenzusammenbruch.“Scott Donaldson: Fool for Love. F. Scott Fitzgerald, New York 1983, S. 86

Doch nicht nur der Titel wurde von Scott und dem Verleger Scribner geändert und der Inhalt wurde von ihrem Mann um 100 Seiten gekürzt. Verhindern konnte er allerdings nicht, dass das Buch erschien.

Savemethe waltz
Originalausgabe:
Save Me the Waltz
Charles Scribner’s Sons, New York 1932

Zelda hatte sich zuerst ohne sein Wissen mit dem Manuskript an seinen Verleger gewendet. Sie konnte nichts dagegen tun, dass Scott massiv in den Text eingriff, den er „skandalös und privat entblößend“ fand. Er war entsetzt über ihre Eigenmächtigkeit. Es war seine und Zeldas Geschichte und ihr gemeinsamer Niedergang und das war unschwer zu erkennen – auch wenn sie Namen und Orte änderte.  Im Jahr 1932 erschien er bei Charles Scibner’s Sons, New York. Zu einer Zeit, da Zelda schon fast zwei Jahre mit wenigen Unterbrechungen wegen ihrer geistigen und seelischen Störungen durch verschiedene Heilanstalten gereicht wurde und das gemeinsame Leben mit Scott vorbei war.

Eine andere Kraft

Dieser Roman hat eine andere Kraft, als viele ihrer Erzählungen. Er ist emotionaler, anklagend, selbstanklagend, verzweifelt und manchmal überschwänglich und oftmals irgendwie „roh“. Als hätte er noch einmal gebürstet werden müssen, weil es einige Gedankensprünge und Lücken gibt. Dennoch lohnt es sich, diesen „Walzer“ zu lesen. Er ist Zeldas letztes Vermächtnis: ihr ehrlichstes Stück Literatur.

ein Walzer für mich
Ein Walzer für mich
Neuübersetzung: pociao
Diogenes Verlag, Zürich 2011
ISBN: 978-3-257-06792-7, 261 Seiten, 22.90 €

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