Bernice schneidet ihr Haar ab

Seine ruhmreiche Zeit dauerte genau zehn Jahre: von 1920 bis 1930. In dieser Zeit veröffentlichte Scott Fitzgerald „Diesseits vom Paradies“, (1920) das ihn wie mit einer Rakete kurzfristig aus der finanziellen Klemme schoß – und ihn auf einen Schlag als Schriftsteller berühmt machte. Parallel dazu erschien sein erster Band mit Kurzgeschichten „Flappers and Philosophers“ (Backfische und Philosophen), das ebenfalls erfolgreich über die Ladentische ging. „Der große Gatsby“ (1925) war ein finanziell enttäuschendes Buch und sollte sich erst lange nach seinem Tod als Bestseller erweisen.

Seine Themen

Fitzgerald war ein Chronist. Er hatte die besondere Gabe der kritischen Selbstanalyse und der sozialkritischen Analyse der 1920er Jahre. Er verstand es, beim Schreiben sein Ego von Oben oder aus anderer Perspektive betrachten. Das ist eine seltene Fähigkeit, die er perfekt beherrschte. So verdichtete er sein Leben und das der Amerikaner, in dem er den Zeitgeist der Roaring Twenties auf’s Papier brachte. Als Vorlage dienten ihm vor allem auch alle Freunde und Menschen, mit denen er die Tage und Nächte durchsoff und diskutierte, feierte und zankte. Nicht alle seine Freunde waren erfreut, als Klone in seinen Romanen noch einmal geboren zu werden. Immer zeigte sich in seinen Romanen und Kurzgeschichten seine ihm eigene Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit: Zu den Reichen, den Mächtigen, denen, die etwas zu sagen haben oder etwas bezahlen konnten. Viel bezahlen konnten. Diese beiden Dinge gelangen ihm nur selten: Die innere Einsamkeit zu verdrängen und reich zu sein.

Vorabdrucke in Zeitungen

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In New York war es üblich, vor Erscheinen eines Buches Vorabdrucke in renommierten Zeitungen (z.B. Saturday evening Post) zu bekommen. Und so machte Fitzgerald es mit seinen Kurzgeschichten: Er verkaufte die erste für ein paar Dollar, doch innerhalb weniger Jahre bekam er bis zu  4.000 Dollar für eine Story. Diese Summe entsprach damals heutigen 50.000 Euro. Eine in Deutschland niemals erzielte, wahnsinnig hohe Summe für eine Geschichte.

Seine Kurzgeschichten waren für ihn ein notwendiges Übel, um schnelles Geld zu verdienen. Hatte er Druck, produzierte er sie am Fließband und für manche Geschichte schämte er sich, weil er sie hingeschludert hatte. Doch im Jahr seiner Heirat mit Zelda veröffentlichte er einige herausragende Geschichten.

Bernice Bobs Her Hair oder Bernice schneidet ihr Haar ab

Der Titel wurde in den Kurzgeschichten Bänden mit: Bernices Bob übersetzt. Mir gefällt eine freiere Übersetzung besser, weil sie die Aussage besser trifft: Bernice schneidet ihr Haar ab.

Die 18-jährige mausgraue, unattraktive und darum unbeliebte Bernice trennt sich von ihrer langweiligen Frisur und lässt sich einen Bob schneiden. Sie möchte endlich dazu gehören: Diese Frisur steht für die Flapper Girls der beginnenden 20er Jahre:

“ Schön, ich nenne dir jetzt nur ein paar Beispiele. Erstens, du bewegst dich nicht ungezwungen. Warum? Weil du deiner Erscheinung nie ganz sicher bist. Wenn ein Mädchen das Gefühl hat, vollkommen gut angezogen zu sein, dann braucht es darüber nicht mehr nachzudenken. Das ist Charme. […]“

(Cousine Marjorie zu Bernice, nach einem Tanzabend, an dem Bernice die Männer zu Tode gelangweilt hat.)

An dieser Passage kann man drei Dinge erkennen: Wie wichtig das Outfit war. Dass der Autor die persönliche Eigenschaft Charme mit passender Kleidung verschmolz. Wie empathisch Scott mit erst 23 Jahren gegenüber jungen Frauen war. Fitz_3 Stunden _Buch

Und Bernice lernt von ihrer Cousine: Sie bürstet sich die Augenbrauen, kauft sich ein hübsches rotes Kleid, schminkt ihre Augen, lernt, über irgendwas zu reden mit den Jungs und die Jungs reißen sich plötzlich um sie. Die Langweiler und die interessanten:

„Als Bernice das nächste Mal an ihm vorbeitanzte, betrachtete Warren sie aufmerksam. Ja, sie war hübsch, ausgesprochen hübsch, und heute abend lebte ihr Gesicht wirklich. Sie hatte jenen Blick, den keine Frau, auch mit noch so viel schauspielerischer Begabung, erfolgreich nachahmen kann – sie sah aus, als wäre sie wirklich in ihrem Element. Er erinnerte sich, sie hübsch gefunden zu haben, als sie erstmals in die Stadt kam, ehe er noch entdeckt hatte, daß sie langweilig war – langweilige Mädchen waren unausstehlich – aber hübsch war sie dennoch.“

Der Show-down nähert sich: Von der Idee ihrer Cousine getrieben, ihr schweres, langes, lockiges Haar schneiden zu lassen, legt sich sich bei ihren neuen Freunden weit aus dem Fenster: Ich schneide mein Haar ab. Ich lasse mir einen Bubikopf (Bob) schneiden. Einige Tage später kann sie nicht mehr zurück: Sie muss es schneiden lassen, wenn sie nicht zum Gespött werden will und ihre gerade gewonnene Coolness wieder verlieren möchte:

„Ich möchte, dass sie mir einen Bubikopf schneiden.“ Der Mund des ersten Gehilfen sank ein wenig herab. Seine Zigarette fiel auf den Fußboden. „Huh?“ „Mein Haar – schneiden Sie’s ab!“ […] …daß dieses Haar, ihr wundervolles Haar, gleich dahin wäre – nie wieder würde sie seine wollüstige Schwere spüren, wenn es – eine dunkelbraune Pracht- über ihren Rücken hing. Für einen Moment war sie nahe am Zusammenbrechen, und dann nahm sie gleichsam mechanischund verschwommen wahr, was sich ihren Augen bot – […].

Karl_10 Gebote_Buch_Ausschnitt

Wie jeder gute Erzähler schafft Fitzgerald es, seine Leser in die Szene zu ziehen: Wir möchten Bernice zurufen „Tu’s nicht! Es wird schlimm aussehen!“ Das erreicht er nicht mit Tempo, in dem er die Geschichten vorwärts peitscht. Er erreicht es mit wohl überlegter gemächlicher Steigerung und genauester Beobachtung der äußeren und inneren Bedingungen seiner Protagonisten. Er ist der allwissende Erzähler und baut seine Plots geschickt auf.

Seine frühen Geschichten atmen oft den Überschwang, die Ausgelassenheit der 20er Jahre. In späteren Jahren, je erschöpfter und hoffnungsloser und zerrütteter er war – wurde der Grundton zu einer melancholischen, sehnsuchtsvollen Melodie, die seine Geschichten durchzog.

Noch ein Tipp: Hier gibt es das Buch „Zärtlich ist die Nacht“ legal und in einem tollen Projekt von gutenberg.Spiegel. (über 1700 Autoren und Werke)

Hier geht’s weiter mit der Geschichte von  Scott und Zelda

Ein Gedanke zu “Bernice schneidet ihr Haar ab

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