Ruf mich an … bitte!

Hier ist sie wieder, die Dorothy Parker. Nachdem ich ihre satirischen und ironischen Kritiken vorgestellt habe, zeige ich Dir jetzt anderes aus ihrer Satzwerkstatt: Ihr Gefühl für Tempo, Rhythmus und Spannungsaufbau. Diese Passage stammt aus einer ihrer besten Short-Stories: Der Telefonanruf.

Lieber Gott, lass ihn jetzt anrufen. Ich will Dich auch um nichts mehr bitten, wirklich nicht. Nur lass ihn jetzt telefonieren. Bitte, lieber Gott. Bitte, bitte, bitte. Wenn ich nicht daran denke, dann würde das Telefon vielleicht läuten. Angenommen, ich zähle in Fünferschritten bis fünfhundert, dann läutet es bis dahin vielleicht. Ich werde langsam zählen. Ich werde nicht mogeln. Und wenn es läutet, wenn ich bei dreihundert bin, dann werde ich nicht aufhören, ich werde nicht abnehmen, ehe ich bei fünfhundert bin. Fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig, vierzig, fünfundvierzig, fünfzig …

Oh, bitte läute. Bitte.

Sofort ist der Leser in diesem inneren Monolog gefangen: Er sitzt mit ihr am Telefon, gespannt, aufgeregt, ein bisschen genervt, dass sie sich so erniedrigt, ihr ganzes Sein auf diesen Typ zu konzentrieren. Auf einen einzigen Anruf. Ein Klingeln.

Der Leser leidet mit und befindet sich plötzlich auf einer ähnlichen Empfindungsebene.

Dotty.Parker.Pinterest

Show, don’t tell!

Wie schafft sie das, die Dorothy Parker? Ganz einfach: Sie befolgt mehrere Gesetze für Schriftsteller:

  1. Sie schreibt was sie will, aber sie langweilt Ihre Leser nicht.
  2. Sie erzählt nicht über die Situation.
  3. Sie nimmt den Leser mit in die Situation.

Das berühmte Show- don’t tell ist ein Geheimnis. Das zweite ist ihre Sprachmusik.

Ihre Sätze wechseln zwischen lang- mittel- kurz- länger- ganz kurz. Das hat Tempo und Rhythmus! So baut sie Spannung auf.  Es ist, als hätte sie ein kleines Lied komponiert. Eingängig und berührend.

Und darum schrieb sie nicht:

Sandy saß auf ihrem Stuhl am Telefon und wartete darauf, dass es klingelt. Sie wartete auf den Anruf eines Mannes. Auch als sie bis fünfhundert gezählt hatte, klingelte es nicht.

Dotty Parker beherrschte nicht nur die kurze, prägnante Satire sondern auch das prosaische Schreiben.

Und hier kannst Du sie hören:

 

(Quelle: Dorothy Parker,New Yorker Geschichten,
Aus dem Amerikanischen von Pieke Biermann und Ursula-Maria Mössner (2003)
Die Brigitte-Edition)

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